Allgemeine Hilfsmöglichkeiten bei Leistungsstörungen

und

Wenn Ihr Kind Symptome einer Leistungsstörung zeigt

Zum besseren Verständnis empfehlen wir, zuerst das Kapitel “Leistungsstörungen - Grundlagen” zu lesen

 

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1. Kontrollieren Sie Ihre eigenen Reaktionen und beachten Sie alle positiven Ansätze

Hüten Sie sich davor sich auf die vorzufindenden Schwierigkeiten zu konzentrieren. Der Ansatzpunkt liegt eher im Gegenteil: Stärken Sie das Selbstwertgefühl Ihres Kindes konsequent und bei jeder Gelegenheit.

Trotz aller Probleme gibt es immer auch Bereiche im Leben eines Menschen, die unbelastet und unproblematisch sind. Diese werden bei Schwierigkeiten oft ignoriert, sind jedoch von großer Wichtigkeit, da sie das nach den Verlusten der jüngsten Vergangenheit angegriffene Selbstwertgefühl sanieren helfen und somit eine Voraussetzung für den Weg aus der Leistungsstörung schaffen.

Erst ein leidlich ausgeglichenes Selbstwertgefühl ermöglicht es der betroffenen Person, eine für wirksame Motiviertheit notwendige Zuversicht zu erlangen und aufrecht zu erhalten.

Eltern sollten sich demnach überlegen, auf welche Kritikpunkte sie verzichten können und welche Aspekte des Lebens Ihres Kindes sie stattdessen loben können, um sein Selbstvertrauen zu stützen und wieder aufzubauen.

 

2. Reduzieren Sie das Ausmaß an Geboten und Verboten

Bei auftretenden Schwierigkeiten neigen viele Eltern in einer latent panischen Reaktion zu einem Übermaß an Reglementierungsmaßnahmen. Diese lassen das wirklich Bedeutsame unter einer Vielzahl beständiger Belehrungen wie auch Ermahnungen erschwinden und untergraben das ohnehin angegriffene Selbstwertgefühl des Kindes.

Überprüfen Sie die Gebote und Verbote auf Ihre unbedingte Notwendigkeit. Trennen Sie die Spreu vom Weizen, sonst erreichen Sie eher das Gegenteil, nämlich Abstumpfung und weitere Verunsicherung.

 

3. Entlasten Sie Ihr Kind, reduzieren Sie Ihre Forderungen

Überprüfen Sie Ihre Erwartungen und Ihr Anspruchsniveau gegenüber dem Kind. Geben Sie Ihrem Kind das Signal, dass es auch mit weniger Leistung oder Wohlverhalten für Sie liebenswert und akzeptabel ist.

 

4. Verhalten Sie sich reif und angemessen

Viele Eltern sorgen mit ihrer Reaktion auf ein Problem des Kindes für ein zusätzliches. Denn jetzt hat es nicht nur schlechte Zensuren (was für sich alleine schon demütigend und erschreckend genug ist), sondern auch noch zwei traurige, tobende, verzweifelte, beleidigte Eltern, mit deren (unreifem) Gebaren es fertig werden muss und für deren Verhalten es sich verantwortlich fühlt.

Eine bessere Reaktion wäre, sich Gedanken zu machen, wie es der betroffenen Person gehen könnte, was diese wohl gerade durchsteht (auch wenn sie es vielleicht nicht zeigt), mit welchen Gedanken und Gefühlen sie sich auseinandersetzen muss (Blamage, Zukunftsangst, Ratlosigkeit) und sich als Gesprächspartner anzubieten („ich kann mir vorstellen, wie es dir geht...“).

 

5. Schaffen Sie Abreaktionsmöglichkeiten

Jeder Misserfolg, jedes Scheitern erzeugt Frustrationen und damit Aggressionen. Diese sind im alltäglichen Leben kaum umsetzbar und müssen deshalb entweder wahrgenommen und abreagiert oder verdrängt werden. Der Prozess des Verdrängens benötigt wiederum vitale Energie, welche dann den Werkzeugen der Leistung nicht mehr zur Verfügung steht.

Als Möglichkeit zur Abreaktion empfiehlt sich insbesondere körperliche Betätigung.

Eltern neigen bei Schulproblemen ihres Sprösslings oft dazu, andere Sektoren des Lebens ihres Kindes zugunsten des problematischen Lebensbereiches einzuschränken. Das Kind darf weniger spielen, sich mit Freunden treffen, herumtollen, sich seinen Hobbys widmen etc. und muss sich stattdessen mit Schularbeiten beschäftigen.

Dieses Verhalten der Eltern verschärft die für das Kind problematische Situation zusätzlich, indem es ihm notwendig Ausgleichsmöglichkeiten zu den sehr einseitigen Lernaktivitäten nimmt.

Positiver Ausgleich zum Lernen würde bedeuten: kreatives Tun, Bewegung und Sport (sofern es nichts mit Leistung zu tun hat), soziale Kontakte, Umgang mit Tieren etc.

Zusätzliche Zeit für Schule kann dagegen problemlos vom heute üblichen Fernsehkonsum abgezwackt werden.

 

6. Nehmen Sie sich Zeit, schenken Sie Zuwendung und Beachtung außerhalb des Problems

Fühlen sich Kinder oder Jugendliche vernachlässigt, stellen jedoch fest, dass bei Problemen die unmittelbare Aufmerksamkeit der Eltern / Bezugspersonen gegeben ist, besteht die Gefahr eines gezielten Einsatzes problematischen Verhaltens mit dem Ziel, im Zentrum der emotionalen Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bleiben.

Bekommen die Kinder oder Jugendlichen ausreichend Aufmerksamkeit und Zuwendung seitens ihrer Bezugspersonen, müssen sie sich nicht auf ein Problemverhalten spezialisieren.

Unternehmen Sie mehr mit dem Kind vor allem auch Ungewöhnliches und Dinge mit Erlebniswert. Dabei wiegt Quantität vor Qualität: mehr die Oftmaligkeit als die Größe und Dauer.

 

7. Tragen Sie Sorge für ein ausgeglichenes und stabiles Selbstwertgefühl

Das menschliche Selbstwertgefühl wird genährt vom regelmäßigen und oftmaligen Lob, von Anerkennung und dem Gefühl, etwas erreicht zu haben das sowohl nach eigenen Maßstäben wie auch in der Einschätzung anderer wertvoll ist. Erfreuliches, Erfolge und etwas anzuerkennen und zu loben gibt es dann, wenn die Ziele konkret sind und die Schritte klein und die Achtsamkeit groß.

 

8. Überdenken Sie eigene Kommunikationsmuster

Nicht nur im Umgang von Eltern mit ihren Kindern ist oftmals ein unnötiges Gefälle innerhalb der zum Ausdruck gebrachten Wertschätzung („du gehst jetzt sofort in Dein Zimmer und machst Deine Hausaufgaben!“, „Deine Faulheit ist nicht mehr auszuhalten“) erkennbar. Generell neigen Menschen dazu, vermeintlich oder tatsächlich statusschwächeren Personen mit weniger Respekt zu begegnen.

Am besten lassen sich eigene Äußerungen überprüfen, indem Sie sich vorstellen, Ihr Gegenüber hätte das Gleiche zu Ihnen gesagt („Du gehst jetzt sofort in die Küche und kochst etwas!“).

Es geht dabei nicht unbedingt darum, auf Äußerungen, Wünsche und Forderungen zu verzichten, sondern darum, einem Menschen seine Würde zu lassen (reversibler Kommunikationsstil).

 

9. Schaffen Sie eine stabile, sichere und konstante Lebenssituation

In der menschlichen Bedürfnispyramide (siehe Selbstorganisation) steht Sicherheit, nach den physiologischen Bedürfnissen, an zweiter Stelle. Erst wenn der Mensch physiologisch versorgt ist und sich sicher fühlt, ist er in er Lage, sich den nächsten Stufen seiner Bedürfnisse, zu denen auch Leistung zählt, zu widmen.

Ist ein Kind von Chaos umgeben und fühlt sich bedroht (Fehlen von Ritualen, Traditionen, Geordnetheit, Zeit für Gefühle, stattdessen permanente Hektik, Auseinandersetzungen, Zwiespalt und Unberechenbarkeit), wird es größte Schwierigkeiten haben, Energie für schulische Belange zu mobilisieren und sich zu konzentrieren.

Ein Gefühl von Sicherheit ist also eine weitere Voraussetzung für Leistungsfähigkeit.

 

10. Stellen Sie Reizüberflutung ab

Die menschliche Psyche kann nur ein begrenztes Maß an äußeren Reizen verarbeiten. Bis vor wenigen Jahren entsprangen sämtliche psychische Erlebnismöglichkeiten der Alltagsrealität des menschlichen Lebens, eine Reizüberflutung war deshalb selten.

Inzwischen ist es dem Menschen über Film, Fernsehen oder Videospiele möglich, seine Sinne beinahe unbegrenzt zu stimulieren. Das menschliche Unterbewusstsein unterscheidet dabei wenig zwischen Fiktion und Realität. Die dargestellten menschlichen Dramen, Katastrophen und Brutalitäten werden registriert und müssen eingeordnet und verarbeitet werden. Mit der einhergehenden Überforderung der Psyche entsteht Diffusität und Verwirrung hinsichtlich der tatsächlichen Lebensbelange des Menschen; Ressourcen sind gebunden, die für Leistung notwendige Klarheit im Denken ist eingeschränkt. Reduzieren Sie die Zeit, die Ihr Kind vor visuellen Medien verbringt. Nahezu jede andere Form der Freizeitbeschäftigung ist bei Störungen hilfreicher und von pädagogisch  größerem Wert.

 

11. Prüfen Sie Ihr Modellverhalten

Ihr gelebtes Beispiel und Modellverhalten beeinflusst Ihr Kind ungleich mehr als sämtliche gut gemeinten Sermone und Ermahnungen.

Inwieweit verhalte ich mich selbst so, wie ich es von meinem Kind erwarte?

Welches Beispiel gebe ich? Reagiere ich auf jede Anforderung mit Murren, Stöhnen und Jammern? Weiche ich Anforderungen aus? Werden Bequemlichkeitshaltungen gepflegt und demonstriert?

                                                                                    

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