Leistungsstörungen

Psychologische Erklärungsmodelle

 

I. Psychoanalyse

I.1 Ich-Blockade durch Verdrängung

Die Psychoanalyse erklärt Leistungsstörungen über das Modell der Verdrängung von empfundenen Problemen.

Jedes Verdrängen unerwünschter Inhalte aus der bewussten Wahrnehmung bindet Energie. Diese nur begrenzt verfügbare vitale Energie muss über die gesamte Dauer der Verdrängungsleistung aufgebracht werden und steht folglich anderen Aufgaben der menschlichen Psyche, vor allem dem „Ich“ und damit dem Intellekt, nicht mehr zur Verfügung.

Mit abfallender vitaler Energie schwinden Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, praktische Intelligenz und Wahrnehmungsfähigkeit, aber auch Einfallsreichtum, Frische, Lust und Impulsivität.

Je mehr der Mensch emotional bedeutsame Themen zu verdrängen sucht und je mehr diese verdrängten Inhalte mit den Aufgaben korrelieren, die sich ihm aktuell stellen, desto weniger unbehinderte Energie wird ihm für ihre Bewältigung zur Verfügung stehen.

 

Verdrängt werden üblicherweise Wünsche und Regungen, die wir uns selbst nicht erlauben und eingestehen wollen, die unserem Selbstbild widersprechen, deren Erfüllung uns nicht möglich bzw. nicht erlaubt ist und vor deren Umsetzung wir uns fürchten. Dazu zählen auch unangenehme (Lebens)Aufgaben, Konflikte, Ängste etc.

 

Sind Sie also während einer anspruchsvollen Tätigkeit:

- leicht ablenkbar,

- haben massive Konzentrationsschwierigkeiten und

- erkennen in Ihrer Arbeit keinen nennenswerten Fortschritt,

so wäre es sinnvoll, diese Arbeit zunächst zu unterbrechen und sich zu fragen, welche Ideen, welche Zweifel und Bedenken Sie ablenken und beschäftigen.

Was ist in Ihrer gegenwärtigen Lebenssituation dringlich und sollte Priorität haben? Was beschäftigt Sie im Moment so sehr bzw. sollte Sie beschäftigen, dass Ihre momentane Tätigkeit vergleichsweise unwichtig ist?

Welche lebenswichtigen Wünsche, Bedürfnisse oder Konflikte bleiben unbeachtet?

Was wollen Sie nicht akzeptieren bzw. „wahr haben“?

Wenn Sie sich Ihrer, möglicherweise aktuell oder generell schwer umsetzbaren, Bedürfnisse und Vorstellungen gewahr werden, können Sie mit einer Rückkehr der bis dato für die Verdrängung aufgewandten Energie rechnen.

 

Ähnlich ist der psychologische Sachverhalt bei einem Kind: es ist kontraproduktiv, das Kind zu bestrafen, indem ihm sinnvolle Ausgleichsfelder verboten werden. Besser wäre die Frage, wo das eigentliche Problem des Kindes liegt. Wo fühlt es sich unsicher, über- oder unterfordert, wo hat es Konflikte, welche Bedürfnisse werden nicht gelebt? 

Versuchen Sie herauszufinden, welche Sorgen und Probleme Ihr Kind belasten und teilen Sie diese Kümmernisse mit ihm.

Nehmen Sie Ihr Kind ernst, versuchen Sie nicht, ihm die empfundenen Probleme auszureden oder gar als unangebracht oder „ungehörig“ zu verbieten.

Beeinträchtigend sind auch hier die zum Verschwinden gebrachten Gefühle.

 

I.2 Selbst- und Fremdbestrafung

Ein weiterer psychoanalytischer Aspekt ist die unbewusste Selbst- oder Fremdbestrafung durch Versagen. Fühlt sich eine Person unterdrückt oder eingeschränkt und kann bzw. wagt es nicht, sich zu wehren, so können Leistungsschwierigkeiten ein effektvolles Mittel sein, sich dennoch zur Wehr zu setzen, die eigene Weigerung trotzdem durchzusetzen und sich selbst und andere indirekt, etwa durch schlechte Noten trotz guter Vorbereitung: „zu Hause hat er es doch gekonnt“, Murks im Betrieb, zwei „linke Hände“ bei ungeliebten Tätigkeiten etc., zu bestrafen. Interessant ist, dass dieser Rachevorgang – sowohl an anderen wie auch der eigenen Person - nicht bewusst und absichtlich erfolgt.

Hilfreich und entlastend kann in dieser Situation ein Zurückerinnern an die und Nachbereiten der verletzenden, Unmut, Ärger, Wut und Aggression erzeugenden Ereignisse sein.

 

I.3 Signalängste

Signalängste: auf Grund von Misserfolgserlebnissen und -phantasien haben sich Gefühle der Angst, Verzweiflung und Unsicherheit mit z.B. Prüfungssituationen verknüpft. Ohne weiteres Zutun entsteht nun diese Angst automatisch im Zuge einer Prüfungssituation vergleichbarer Signale. Mögliche Reaktionen auf diese Signalangst sind Fluchttendenzen (gedankliches Abdriften, Träumen, Bewegungssturm „busy inefficiency“, panisches drauflosarbeiten) oder eine Art von Todstellreflex (Blackout).

Bei Signalängsten handelt es sich also um Bewährungs- und Prüfungsängste, ausgehend von ängstigenden Vorstellungen oder heiklen Erfahrungen.

 

Hilfreich ist hier das Ersetzen des negativen mentalen Trainings durch positive Phantasien hinsichtlich der problematischen Situation und sich schrittweise und in abgestuften Schwierigkeitsgraden die Ungefährlichkeit der betreffenden Situation durch erfolgreiches Bewältigen nachzuweisen (Desensibilisierung).

 

I.4 Unbewusste Richtungsblockade

Damit ist gemeint, dass sich ins Unbewusste abgeschobene Veränderungswünsche über den Weg der Leistungsstörung durchzusetzen versuchen. Die Veränderung wird dann möglich, wenn bestimmte geforderte Leistungen nicht mehr erbracht werden können.

Ein Beispiel wäre der Wunsch, ein problembeladenes Umfeld (Schule, Klasse, Lehrer, Arbeitsplatz, Studium) zu verlassen: wegen den zu erwartenden realen und sozialen Folgen sowie der eigenen moralischen Maßstäbe wird der Wunsch beiseite geschoben; die betreffende Person wagt nicht einmal daran zu denken.

Das Unbewusste („Es“) löst das Problem schließlich auf seine Weise, indem es über Leistungsblockaden und anhaltende Fehlleistungen für eine Veränderung sorgt.

Um diesen, zumeist leidvollen, Verlauf zu vermeiden, sollte man sich rechtzeitig um wenigstens anteilhafte Lösungen bemühen – bevor das um unseren Selbsterhalt bemühte kindhafte Unbewusste notgedrungen herzhaft und undiplomatisch eingreift.

 

WEITER zum Individualpsychologischen Erklärungsmodell

                                 

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