Leistungsstörungen

Psychologische Erklärungsmodelle

 

II. Individualpsychologie

Auf Grund sozialer Ängste ringt jeder Mensch, abhängig von der Stabilität seines Selbstwertgefühls, nach:

- Aufmerksamkeit, Beachtung, Geltung und Macht sowie

- einem positiven oder wenigstens entschuldbaren Selbst- und Fremdbild.

 

Ist die mitmenschliche Umgebung nicht genügend aufmerksam gegenüber positiven und eigentlich wünschenswerten Verhaltensweisen (diese werden etwa als selbstverständlich erachtet und nicht weiter erwähnt) und meint der einzelne, über positives Verhalten im Rahmen seiner Möglichkeiten keine ausreichende Chance auf mitmenschliche Anerkennung zu haben (und je größer die Zweifel am eigenen Wert, desto stärker das Verlangen nach Anerkennung), so kommt es zu dem unbewussten Versuch, diese Bedürfnisse im Negativen und durch Störungen zu befriedigen.

Da die mitmenschliche Toleranz hinsichtlich problematischen Verhaltens begrenzt ist, kann dies nur kurzfristig funktionieren. Die unumgänglichen Versagenserlebnisse beschädigen das Selbstwertgefühl zusätzlich, der Mensch gerät in einen fatalen Kreislauf.

Im Falle von Leistungsstörungen bedeutet dies:

- die Suche nach Zuwendung und Beachtung. Bindung anderer durch Problemverhalten (als Folge empfundener Vernachlässigung, Nichtbeachtung oder Zurückgesetzfühlen wegen scheinbar wichtigerer Aufgaben oder anderen Menschen)

- das Streben nach Macht, Geltung, Wichtigsein, berücksichtigt Werden (andere beschäftigen sich mit mir emotional und intensiv, z.B. von mir hängt es ab, ob meine Eltern traurig oder glücklich sind, ich bin der Mittelpunkt der Familie)

 

Leistungsstörungen dienen aber auch als Ablenkungsmanöver, um wichtigen Lebensthemen auszuweichen denen man ängstlich und ratlos gegenübersteht. Durch das Eröffnen eines „Nebenkriegsschauplatzes“ wird versucht, das von der Realität bedrohte Selbst- und Fremdbild aufrechtzuerhalten. Die Realität zeigt etwa in zunehmender Deutlichkeit das Scheitern in einem ganz zentralen Lebensthema (Unfähigkeit, tragfähige Beziehungen zu führen, Vorstellungen einer bestimmten beruflichen Zukunft erweisen sich als unrealistisch). Diese Einsicht ist jedoch äußerst schmerzhaft und bedrohlich für das Selbstkonzept und –bild eines Menschen. Eine Leistungsstörung löst vordergründig dieses Problem: „mein Studium hat jetzt absolute Priorität, eine tragfähige Beziehung, ein guter Freundeskreis ist da im Moment nicht so wichtig“, „ich hätte schon längst... , wenn ich nicht diese Blockade hätte“.

Darüber hinaus besteht aufgrund der ausgewiesenen und bekannten Störung beim Betroffenen die Hoffnung auf eine verzeihlichere Bewertung vor sich und durch andere (er wäre ja gescheit aber..., wenn das einmal überwunden ist aber dann...). Zudem verschieben sich Bewertungsmaßstäbe: auch bescheidene Leistungen finden bei einer Person mit Leistungsstörung plötzlich Anerkennung.

 

Aus Sicht der Individualpsychologie sind Leistungsstörungen – wie alle psychischen Störungen - also Ausweichmanöver, Selbsttäuschungsversuche und die verzweifelte Suche nach Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit. Dies geschieht jedoch unbewusst und ungewollt, aus tiefer Not, Zweifeln und Ängsten.

 

Daraus resultieren folgende Lösungsansätze:

- Verbesserte Sozial- und Selbstkompetenz und damit eine Gesundung des Selbstwertgefühls durch einen verbesserten Umgang mit sich und anderen

- Konstruktive Verhaltensansätze müssen mehr Beachtung finden als negative

- subjektiv schwierige Lebensthemen müssen erkannt und akzeptiert werden. Dies erübrigt die Flucht in eine Leistungsübertonung.

- Lernen das eigene Verhalten und sich selbst positiv zu bewerten

 

In „Behebung und Verhinderung von Leistungsstörungen“ geht es weiter mit der konkreten Umsetzung der Lösungsansätze aus Psychoanalyse und Individualpsychologie, ergänzt durch Aspekten aus der Verhaltenstherapie.

 

WEITER zum Kapitel “Behebung und Verhinderung von Leistungsstörungen”

                                 

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