Depressive Störung

Aspekte der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse geht davon aus,

dass hinter depressiven Störungen

verdrängte aggressive Gefühle und

Handlungstendenzen stehen, die sich

gegen die eigene Person wenden.

Als Grund hierfür wird ein sogenannter

“Objektverlust”, also der Verlust

einer Sache, einer Person, einer Vor-

stellung oder eines Ideals mit starker

emotionaler Bindung, angenommen.

 

Gemeint sind etwa Frustrationen, Kränkungen, Enttäuschungen oder Einbußen, resultierend aus:

– dem enttäuscht Werden einer Hoffnung

– dem Ausbleiben einer verdienten Anerkennung

– dem Verlassenwerden von  Menschen

– dem Zusammenbrechen einer Idee, eines Idealbildes der eigenen Person.

Die Reaktion auf solche Frustrationen, Einbußen und Kränkungen ist ursprünglich, natürlich und im Prinzip immer ähnlich. Es entstehen Wut, Ärger, aggressive Antriebe, Bestrafungs- und Vernichtungswünsche.

Mit solchen Gefühlen und Handlungstendenzen umzugehen ist nicht immer einfach.

Der gesunde Weg des Umgangs mit diesen Gefühlen ist, sie zu registrieren, zuzulassen, dazu zu stehen und als Energie zu nutzen, z.B., um drastische Veränderungen vorzunehmen, sich zu schützen oder zur Wehr zu setzen.

Der Weg in die Störung ist, solche unschönen Empfindungen abzuschieben und sie zu verdrängen. Die verdrängten Impulse verbleiben im Unterbewusstsein, entwickeln dort ein Eigenleben und können sich, unter bestimmten Voraussetzungen, die in der Persönlichkeit des Betroffenen und seiner empfundenen Lebenssituation liegen, an der eigenen Person als eine Art  emotionale Selbstbeschädigung ausleben.

 

Diese Voraussetzungen sind:

- eine persönliche Ideologie von Nachgiebigkeit, Selbstlosigkeit, Sanftheit und Verständnis. Als höchster Wert wird die Erhaltung der Harmonie gegenüber anderen verstanden.

- der Glaube, dass die umgebende Welt höchst gefährlich ist und ihr gegenüber, ohne die Unterstützung anderer, kein Bestehen ist. Daraus resultiert ein Bedürfnis nach Anklammerung sowie ein Mangel an Mut zur Eigenständigkeit und zur Löslösung

- eine geringe Geübtheit im Austragen von Konflikten und in der Selbstbehauptung

 

 

Folgerungen

 

1. Versuchen Sie herauszufinden, was Sie in Ihrem Leben in der letzten Zeit besonders beeinträchtigt und frustriert hat

Wenn Sie den Kontakt hierzu herstellen können wird es Ihnen zwar nicht sofort gut gehen. Trotzdem hat sich Ihre Situation grundlegend geändert: Sie sind nun nicht mehr depressiv, sondern verärgert, traurig oder wütend und können die hinter diesen Gefühlen stehende Energie zur Veränderung Ihrer Situation oder zum Entwurf von und zur Optimierung Ihrer Strategien (etwa, wie Sie sich in Zukunft schützen werden) einsetzen.

 

2. Akzeptieren Sie aggressive Impulse bei sich und anderen als Lebensnormalität

 Das heißt nicht, dass sie diesen Gefühlen folgen müssen, aber Sie sollten sie zulassen. Erlauben Sie sich auch, darüber zu sprechen und, greifen Sie, sofern verfügbar, zu adäquaten Handlungsformen. Hierzu zählt auch indirekte Entlastung, z.B.: durch körperliche Anstrengung und konsequente Aufgabenbewältigung.

 

3. Verzichten sie auf den Unsinn von sich nur “anständige” und edle Gedanken und Gefühle zu verlangen

Messen Sie sich an Ihrem Verhalten und nicht an Ihren Gedanken und Gefühlen. Es genügt, wenn sie sich so verhalten, dass Sie dazu stehen können.  Erschrecken Sie nicht vor hässlichen Gedanken und Gefühlen, vor Wut und Aggressionen.

Der Mensch ist nicht verpflichtet, positive Gedanken und Gefühle zu haben – diese liegen außerhalb seiner bewussten Steuerung -, aber er kann und sollte, auch wenn er negative Gedanken und Gefühle hat, vernünftig, sozialverträglich und fair handeln.

 

4. Überprüfen Sie Ihr Lebenskonto und Ihre Lebensorientierung

Spätestens mit der Wunschvorstellung eines ununterbrochen stimmigen und problemfreien Lebens haben Sie das erste Problem. Denn diese ist unrealistisch und führt in der Erkenntnis des Unterschiedes zwischen Wunsch und Realität zu unumgänglichen Frustrationen.

Eine hohe Ideologie von Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, Nachgiebigkeit, Fehlerlosigkeit, Demut, Liebe, Verständnis etc., von ausschließlich freundlichen Gefühlen, positiven Gedanken und Regungen und ein starkes Harmoniebedürfnis erzeugen den Drang, unabwendbare Differenzen in der Lebensrealität nicht zu sehen und wahrzunehmen. Sie werden folglich verdrängt.

Unstimmigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen werden so nicht wahrgenommen und können nicht aufgegriffen werden (“wieso? Es ist doch nichts...”), aggressive Gefühle werden nicht artikuliert und richten sich gegen die eigene Person, beschädigende Situationen bleiben bestehen und verschlimmern sich. Notwendige Aktivitäten der Gegenwehr und Verteidigung werden verhindert.

Akzeptieren Sie etwaige Ungereimtheiten im eigenen Fühlen und Denken. Seinen Sie tolerant zu sich selbst und anderen, überprüfen Sie etwaige Ideale auf ihren Bezug zur Realität. Begreifen Sie das Leben als natürlich spannungsreich und relativieren Sie auf den Wunsch nach uneingeschränkter Problemfreiheit.

Verstehen Sie Ihr Leben als Aufgabe, Probleme zu Lösen, Aufgabenstellungen zu bewältigen um daran zu wachsen und sich zu entwickeln.

 

5. Weisen Sie sich nach, dass Sie gegenüber dem Leben bestehen können

Setzen sie ihre Fähigkeiten ein und überzeugen Sie sich von Ihrer eigenen Kraft. Lassen Sie sich möglichst wenig versorgen, tun Sie selbst, was Ihnen möglich ist.

 

6. Erweitern Sie so gut es Ihnen möglich ist ihr Aktivitätsniveau und Ihren Kontaktbereich

Ihre individuelle Welt wird um so gefährdeter, je geringer Ihr Kontakt- und Tätigkeitsniveau ist, da Einbußen in einem engen Rahmen bedrohlicher erscheinen und frustrierender sind. Mannigfaltige Ausgleichsfelder, sowohl im Bereich der sinnvollen Beschäftigung und Selbstverwirklichung wie auch im Bereich sozialer Kontakte, verringern die Gefahr von Frustration durch Ausfall eines dieser Felder.

Sind umgekehrt kaum Ausgleichsfelder vorhanden, (etwa nur der Beruf im Bereich der Selbstverwirklichung oder ausschließlich der Partner als Ansprechpartner), wird, bei Schwierigkeiten im Job oder Differenzen in der Partnerschaft Frustration, Verunsicherung und Angst bedrohliche Ausmaße erreichen. Die Gefahr von verdrängter Aggression, die sich gegen die eigene Person richtet wird entsprechend größer.

 

7. Überprüfen und machen Sie sich bewusst inwieweit Ihre Probleme mit Ihrem Lebensumfeld zusammenhängen

Wer profitiert von Ihrer Unselbständigkeit und Abhängigkeit?

Wer kontrolliert Sie?

Wer verschafft Ihnen ein schlechtes Gewissen?

Wer schürt Trennungsangst?

Wer versucht, Sie emotional abhängig zu machen?

Wer raubt Ihnen mit zweideutigen Botschaften (“double binds”) Klarheit und Entscheidungsfähigkeit?

Wer entmutigt Sie (“das schaffst du doch ohnehin nicht”)?

Wer beraubt Sie Ihrer Träume?

Wer schmälert Ihre Leistungen?

 

Jede Steigerung Ihrer Selbsterkenntnis und Bewusstheit wird Sie ein Stück störungsresistenter und Sie selbst sicherer machen.

 

8. Vermeiden sie Monotonie, Abwechslungsarmut und Routine

Verändern Sie Ihre Alltagsroutine und Gewohnheiten, machen Sie vieles anders als bisher. Vermeiden Sie allzu Bekanntes, Praktisches und sogenannt Zweckmäßiges. Signalisieren Sie sich in vielen Bereichen, dass Sie von sich aus etwas verändern können. Das gilt auch für Ihren Umgang mit anderen.

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