Depressive Störung

Aspekte der Individualpsychologie

Die Individualpsychologie betont die

entwicklungsgeschichtlich begründete

Tatsache des Menschen als soziales Wesen.

Sein Verhalten und Reagieren hat stets

eine gemeinschaftliche Relevanz.

Zeitlebens sucht der Mensch - in nahezu

allem was er tut - nach freundlicher

Resonanz, nach Zuwendung und Beachtung

durch andere und ist bestrebt, ein positives

Fremd- und Selbstbild aufrecht zu erhalten.

Das ist dann besonders intensiv der Fall,

wenn Zweifel an der eigenen Person

entstehen – etwa durch leidvolle und

negative Erfahrungen.

 

Psychische Störungen sind folglich Fehlverarbeitungen (negative Kompensationen) von Selbstwertgefühlsstörungen. Die Individualpsychologie spricht von einer “Flucht in die Krankheit”, um ein bedroht geglaubtes oder bedrohtes Selbst- und Fremdbild aufrecht zu erhalten (“die Krankheit ist schuld, nicht ich selbst”). Ausserdem begründen sich Erkrankungen über den Wunsch nach Zuwendung aus der sozialen Umgebung. Durch diese negativen Ausgleichsbemühungen gerät der Mensch in einen verhängnisvollen Kreislauf. Langfristig entstehen, weil sich an der defizitären Situation nichts ändert und die gesteigerte Aufmerksamkeit seitens Umgebung nur über einen begrenzten Zeitraum gewährleistet werden kann, immer neue Abwertungen mit der Folge einer Verstärkung der latenten Minderwertigkeitsgefühle. Für depressive Störungen gilt dies in besonderem Masse.

Negative Ausgleichsversuche treten vor allem dann auf, wenn die vorhandenen Unterlegenheitsgefühle sehr stark sind (zu grosser Leidensdruck, deshalb sofortige Befriedigung), wenn die soziale Umgebung Positives zu wenig beachtet und honoriert oder wenn die Wege zu konstruktiven Verhalten wenig geübt und klar sind (soziale Kompetenzmängel).

 

Hilfen in dieser prekären Situation wären:

 

Gesundung des Selbstwertgefühls und Abbau der Unterlegenheitsgefühle

Entwicklung von positivem sozialen Verhaltensangeboten und Einstellungen

Veränderungen und Anreicherungen im sozialen Umfeld und Förderungen einer positiven Selbstbewertung

 

Folgerungen:

 

1. Förderung positiver Selbstbewertung

hierzu:

- häufiges Erleben von Erfolg durch das Verfolgen konkreter und kleiner Ziele

  Unscharfe und langfristige Ziele tragen zu Misserfolgserleben bei

- eine Behandlung der eigenen Person mit der gleichen Qualität und Berücksichtigung, wie man es anderen gegenüber tun würde, die man als wichtig erachtet

- Entwicklung der Fähigkeit sich Selbst zu belohnen sowie Aufwand und Luxus für sich zu betreiben

- systematisches Verdeutlichen von allem was man gut und richtig macht und gemacht hat, anstelle einer grüblerischen Beschäftigung mit dem Gegenteil.

 

2. Aus individualpsychologischer Sicht können Sie sich durch eine Steigerung der Kontakt- und Tätigkeitsniveaus schützen. Mit entsprechenden Ausgleichsfeldern wird bei Frustrationen und Einbußen in einzelnen Bereichen Ihr Selbstwertgefühl weniger beschädigt werden.

 

3. Überprüfen und senken Sie Ihre Ansprüche an sich selbst und die Welt. Mit Größenphantasien und zu hohen Erwartungen werden Sie beständig in einem selbstbeschädigenden Defizit leben. Erwartungsreduziertheit ermöglicht selbstbestätigendes Erleben.

 

4. Machen Sie sich bewusst, dass Probleme und Schwierigkeiten grundlegende menschliche Erfahrungen sind; als Lebensbestandteil aller Menschen sind sie folglich auch keineswegs deklassierend. Vermeiden Sie Kontrastierungen im Verhältnis zu anderen, etwa, indem sie das Glücklichsein anderer Menschen romantisieren.

 

5. Entwickeln Sie gemeinschaftsbezogenes Verhalten und eine gemeinschaftsbezogene Einstellung:

-für Ihr Wohlbefinden und Ihre Störungsfreiheit ist Zuwendung und Anerkennung durch andere unerlässlich. Tun Sie dafür etwas und verzichten Sie auf unsinnige, leider moderne, überzogene Ideologien von Unabhängigkeit, Autonomie, Selbstbehauptung um jeden Preis und von Egoismus.

- profitieren Sie von der vorteilhaften Rolle einer tätigen Hilfsbereitschaft

- bemühen Sie sich um ein positives Sozialverhalten, das andere in gleicher Weise berücksichtigt wie die eigene Person

 

6. Entwickeln Sie Rollenvielfalt und Flexibilität

Viele Menschen sind auf ein Lebensmuster festgelegt und versuchen dieses ohne Rücksicht auf die Lebenssituation in der sie sich befinden aufrecht zu erhalten. Dies bedingt Scheitern und Selbstabwertung,

Um flexibel und Situationsadäquat reagieren zu können, sollten Sie folgende Rollen beherrschen:

Rolle des Durchhaltens, des Anstrengens und der Selbsthilfefähigkeit

Rolle der positiven Eigenbewertung in Kombination mit der Fähigkeit, Forderungen an andere zu stellen

Rolle des Loslassens und des Zuwendenkönnens zu Neuem

Rolle des Empfangenkönnens von Hilfe und Versorgung, des weichen und gefühlvollen Reagierens.

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